Steppenwolf - Nur für Verrückte!

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Standort: Zürich, Switzerland

20.5.09

Das Herz einer Wölfin von Heinz Körner

Es war einmal ein Mädchen, das ging eines Tages in den Wald und traf dort einen Wolf. Der Wolf sah groß, stark und wild aus, und er gefiel dem Mädchen über alle Maßen. Seine Art, sich zu bewegen, und seine wilde, animalische Ausstrahlung faszinierten das Mädchen ungemein, und deshalb lief es auch nicht weg.

"Sag, mein Kind", brummte der Wolf, "warum fürchtest du dich nicht vor mir?"

"Du bist das schönste Tier, das ich jemals gesehen habe", sagte das Mädchen, "warum sollte ich vor dir Angst haben?"

Das gefiel dem Wolf, und deshalb begleitete er das Mädchen durch den Wald. Sie redeten lange miteinander. Als sie sich voneinander verabschiedet hatten, dachte der Wolf: Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal einen Menschen mögen könnte. Und das Mädchen dachte auf dem Heimweg: Dieser Wolf ist wunderbar, ich könnte mich glatt in ihn verlieben.

Sie trafen sich noch oft, führten interessante Gespräche und erlebten gemeinsam wunderschöne und verzauberte Stunden.

Der Wolf erklärte dem Mädchen die Welt, wie er sie mit seinen Augen sah, und es lauschte ihm begeistert. Er zeigte dem Kind traumhafte Plätze in den Wäldern, die noch nie zuvor ein anderer Mensch gesehen hatte, und weihte es ein in die Wildheit und Schönheit der Natur. Das Mädchen erzählte von den Menschen und versuchte, ihm die Ordnung und Klugheit der Welt Näher zu bringen, in welcher es selbst aufgewachsen war - ohne ihn allerdings dafür begeistern zu können.

Irgendwann stellten sie fest, dass sie die Welt des anderen zwar niemals wirklich verstehen würden, sich aber gegenseitig sehr mochten. Sie verliebten sich und beschlossen, zusammen alle Farben dieser Welt kennen zu lernen.

das Mädchen war stolz auf seinen Freund. Es bewunderte seine Stärke, seinen Mut und seine Klugheit. Und manchmal fühlte es sich von seiner ursprünglichen Wildheit geradezu überwältigt und genoss seine ungestüme Art und tierische Ausstrahlung in vollen Zügen.

Doch das Mädchen wurde zur Frau. Und dieser jungen Frau begann irgendwann das Wilde und Animalische an ihm doch ein wenig unheimlich zu werde. manchmal sagte sie, er könne sich ruhig etwas gesitteter verhalten und sich ein wenig feiner und anständiger benehmen. Die Menschenfrauen seien modern und emanzipiert und hätten es nicht nötig, sich so rau und ungestüm behandeln zu lassen. Dabei war er weder unanständig noch allzu rau, sondern einfach nur ein Wolf.

Als sie wieder einmal über dieses Thema gesprochen hatten dachte der Wolf, dass er die Menschen wohl niemals verstehen würde. Wie sollte er auch begreifen können, dass eine junge Frau sich ausgerechnet wegen der Eigenschaften in ihn verliebt hatte, die ihr jetzt mit einem Male auf die Nerven gingen? Er mochte sie so, wie sie nun mal war. Wieso sollte er sie verändern wollen? Entweder habe ich jemanden gern, so wie er ist, dachte der Wolf, oder ich mag ihn nicht so, wie er ist, aber dann muss ich ja auch nicht mit ihm Zusammensein.

Trotzdem liebte der Wolf die junge Frau noch immer und bemühte sich deshalb, ihr zuliebe nicht mehr ganz so wölfisch zu erscheinen, auch wenn es ihm oft schwer fiel und ein innerstes zu zerreißen drohte.

Die junge Frau freute sich und lobte ihn. Nun konnte sie auch bei ihren Freundinnen mit ihm prahlen, und viele fanden ihn ganz toll. Manche sagten, er sei ihnen noch immer zu tierisch, obwohl sie ihn trotzdem umschwärmten und glänzende Augen bekamen, wenn sie ihn sahen - sehr zum Leidwesen ihrer gepflegten und gesitteten Menschenmänner. Wenn die junge Frau ihn daraufhin beobachtete, dachte sie manchmal auch: Man merkt tatsächlich, dass er letzten Endes doch ein Wolf ist. Und bat ihn, sich in dieser Hinsicht noch mehr Mühe zu geben.

Da er sie nach wie vor sehr liebte, zwang er sich weiterhin in eine Rolle, die ihm eigentlich gar nicht behagte. Doch ihre Freude über seine positive Entwicklung, ihr Stolz auf seine Neugewonnene Weichheit und sein friedsames Auftreten spornten ihn an und schienen es ihm Leichtzumachen. Nur nachts, besonders bei Vollmond, da stahl er sich immer öfter davon, um tief in den Wäldern einsam das alte Wolfslied zu heulen.

Die junge Frau war jetzt stolz auf ihn und wurde auch von ihren Freundinnen bewundert, weil es ihr gelungen war, einen so schönen Wolf zu zähmen. Im Laufe der Jahre gewöhnte er sich mehr und mehr an das Leben, das die junge Frau mit ihm führte. Und es gab durchaus Situationen, in welchen er zu fühlen glaubte, dass es gut so war. Die Nächte, in denen er sich unglücklich fühlte und es ihn in den Wald zog, wurden immer seltener. Es blieb nur eine unbestimmte Traurigkeit in ihm zurück, so eine Ahnung, dass ihm etwas sehr Wichtiges verloren gegangen war, von dem er nicht einmal mehr wusste, was es eigentlich gewesen war.

Seine Freundin wurde eine Selbstbewusste und starke Frau. Manchmal blickte er sie bewundernd und staunend an und glaubte zu spüren, dass sie inzwischen - obwohl sie eine Menschenfrau war - das Herz einer Wölfin hatte.

Die Frau schien glücklich zu sein. Alles lief gut, es gab nur selten Probleme,

und die meisten ihrer Freundinnen fanden, dass der Wolf und sie ein schönes Paar waren. Nur manchmal, da spürte sie ein sonderbares Ziehen im Bauch und eine eigenartige Traurigkeit. Sie sah dann ihren geliebten Wolf an und merkte in diesen seltenen Augenblicken, dass er vieles von dem verloren hatte, was sie früher so sehr an ihm bewundert hatte. Je gezähmter und braver er sich gab, um so weniger war von seiner wilden Ursprünglichkeit und seiner früher so beeindruckenden Stärke geblieben. Und es gab Situationen, da fehlte ihr seine animalische, wilde und ungestüme Kraft. Dann sehne sie sich traurig zurück nach einer Zeit, die wohl nicht mehr zurückzuholen war.

Eines Nachts, es war tiefer Winter, da machten die beiden bei Vollmond einen Spaziergang in dem Wald, in welchem sie sich vor langer Zeit kennen gelernt hatten. Sie stapften durch unberührten Schnee und sprachen von früher und davon, wie schön damals alles gewesen sei und . . . Da stürmte ein graues Ungetüm aus der Dunkelheit auf sie zu, und bevor die junge Frau sich versah, stellte ihr Wolf sich schützend vor sie und war auf einmal in einen gnadenlosen Kampf verwickelt. Doch der Kampf war so plötzlich zu Ende, wie er begonnen hatte. Eine seltsame Stille lag über dem Wald, und es war auf einmal sehr leer in der Frau.

"Sieh' mal einer an", brummte der riesige Wolf, der eben noch mit ihrem Freund gekämpft hatte, "eine Menschenfrau. Sag mal, wie kommt es, dass ein Wolf mit dir durch den Wald geht? Ich hätte ihn fast getötet . . ."

"Ist er nicht tot?" fragte die Frau.

"Ach was. Es geht ihm wohl ziemlich schlecht, aber das wird schon wieder werden."

"Warum hast du das getan?" fragte sie tonlos. "Warum hast du mich und meinen Freund angegriffen?"

"Deinen Freund? Was redest du da für einen Unsinn? Ein Wolf ist niemals der Freund eines Menschen!"

Sie beugte sich über ihren verletzten Wolf und strich ihm über den Kopf. "Von wegen! Ich habe viel von ihm gelernt. Durch ihn bin ich zu dem Menschen geworden, der ich heute bin. Warum hast du ihn beinahe getötet?"

"Weil es schon ziemlich lange her sein muss, dass dein Freund ein richtiger Wolf war", brummte das riesige Tier. "Nicht einmal bei einem alten Wolf hätte ich so leichtes Spiel gehabt. Gute Frau, der riecht ja kaum noch nach Wolf. Ich hab ihn für einen alten Haushund gehalten."

Trotz ihrer Tränen blitzte Zorn aus ihren Augen, und sie funkelte ihn böse an:

"Er ist ein Wolf , du Idiot, und was für einer!"

Der riesige junge Wolf beschnupperte noch einmal seinen Artgenossen. ER knurrte leise und blickte die Frau lange an. "Seltsam", sagte er dann. "Und jetzt hau ab und kümmere dich um deinen verletzten Freund! Er braucht deine Hilfe."

Die Frau ließ nicht locker: "Warum hast du uns überhaupt angefallen?"

"Ich habe Hunger, verdammt noch mal! Doch so groß ist mein Hunger niemals, dass ich deshalb einen von meiner Art töte. Aber eine Menschenfrau würde ich nicht unbedingt verachten. Du hast Glück, dass irgend etwas an dir wie eine Wölfin wirkt. Also: Verschwinde endlich, bevor ich es mir anders überlege!"

"Was soll jetzt nur aus mir werden?" jammerte die Frau. Sie schien keine Angst zu haben und bewegte sich nicht von der Stelle.

"Jetzt mach mal halblang!" knurrte der Wolf. "Vielleicht hast du von deinem Freund wirklich vieles gelernt. Aber sieh dir doch an, was aus ihm geworden ist. Mag sein, dass du inzwischen das Herz einer Wölfin hast - in ihm findest du nur noch den kläglichen Rest eines Wolfes! Halt also endlich das Maul , jammern hier nicht rum und hau ab, sonst werde ich ernstlich sauer und garantiere für nichts mehr!"

Da wandte sich die Frau ab, hob ihren Gefährten hoch und trug ihn mit Tränen in den Augen nach Hause. Dort legte sie ihn auf ihr Bett und versorgte ihn liebevoll. Dabei dachte sie: Ist wirklich aus diesem wunderschönen, starken und wilden Wolf, aus diesem herrlich stolzen und freien Lebewesen ein Tier geworden, über das andere Wölfe nur lachen können und das auf sie wirkt wie ein alter Haushund?

Nein, das hatte sie niemals gewollt! Sie liebte ihn doch so sehr. Auf einmal hatte sie begriffen: Lieben - das kann niemals heißen, dem anderen seine Einzigartigkeit zu nehmen!

Sie würde ihn gesund pflegen und in Zukunft alles ganz anders machen. Doch in dieser Nacht heulte sie ihren Schmerz und ihre Wut über sich selbst dem vollen Mond entgegen, und es klang wie das Heulen einer Wölfin, die um ihren Gefährten weint.

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Auszug aus dem Buch "Johannes" von Heinz Körner

"Bitte höre, was ich nicht sage!"
Lass Dich nicht von mir narren. Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache, denn ich trage Masken,
Masken, die ich fürchte abzulegen und, keine davon
bin ich! So und als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde,
aber, lass Dich dadurch nicht täuschen!
Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles heiter
in mir, und so als brauchte ich niemanden.
Aber, glaub mir nicht!

Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist meine Maske. Darunter
bin ich wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und allein. Aber ich verberge das, ich möchte nicht, dass
es irgendjemand merkt. Beim bloßen Gedanken an meine Schwächen bekomme ich Panik
und fürchte mich davor, mich anderen überhaupt auszusetzen.. Gerade deshalb
erfinde ich verzweifelt Masken, hinter denen ich mich
verbergen kann: eine lässige, kluge Fassade, die mir hilft, etwas
vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen
würde - Dabei wäre gerade dieser Blick meine Rettung. Und ich weiß es.
Wenn es jemand wäre, der mich annimmt und liebt.. Das ist das Einzige, das mir die
Sicherheit geben würde, die ich mir selbst noch nicht geben kann: dass ich wirklich etwas wert
bin.
Aber das sage ich Dir nicht. Ich wage es nicht. Ich habe Angst
davor.

Ich habe Angst,

dass Dein Blick nicht von Wärme und Liebe begleitet wird.
Ich fürchte, Du wirst gering von mir denken und über mich
lachen. Und Dein Lachen würde mich umbringen.

Ich habe Angst,

dass ich
tief drinnen in mir nichts bin, nichts wert, und dass Du das siehst und
mich abweisen wirst. So spiele ich mein Spiel ,mein verzweifeltes Spiel: eine
sichere Fassade außen und ein zitterndes Kind innen. Ich rede daher in
gängigem Ton oberflächlichen Geschwätzes. Ich erzähle Dir alles, was wirklich
nichts ist, und nichts von alledem, was wirklich ist, was in mir schreit.
Deshalb lasse Dich bitte nicht täuschen von dem, was ich aus Gewohnheit rede.
Bitte höre sorgfältig hin und versuche zu hören, was ich nicht sage, was
ich gerne sagen möchte, was ich aber nicht sagen kann. Ich verabscheue dieses Versteckspiel,
das ich da aufführe. Es ist oberflächliches, unechtes Spiel. Ich möchte wirklich echt,
und spontan sein können, einfach ich selbst.

Aber Du musst mir helfen...

Du musst Deine Hand ausstrecken, selbst wenn es das Letzte zu sein
scheint, was ich mir wünsche. Jedes Mal, wenn Du freundlich und gut bist und mir
Mut machst, jedes Mal, wenn Du zu verstehen suchst, weil Du Dich
wirklich um mich sorgst, bekommt mein Herz Flügel - sehr kleine Flügel, sehr
brüchige Schwingen, aber Flügel! Dein Gespür und die Kraft deines
Verstehens geben mir Leben Ich möchte dass
Du das weißt.
Ich möchte, dass Du weißt, wie wichtig Du für mich bist, wie
sehr Du aus mir den Menschen machen kannst, der ich wirklich bin -
wenn Du es willst. Du allein kannst die Wand niederzureißen, hinter der ich
zittere .Du allein kannst mir die Maske
abnehmen. Du allein kannst mich aus meiner
Schattenwelt, aus meiner Angst und Unsicherheit befreien.

Übersieh mich nicht!

Es wird nicht leicht für Dich sein, denn die lang andauernde Überzeugung,
wertlos zu sein, schafft dicke Mauern. Je näher du mir kommst, desto blinder schlage ich zurück. Ich wehre mich
gegen das, wonach ich schreie. Aber, man hat mir gesagt, dass Liebe stärker
sei, als jeder Schutzwall, und darauf hoffe ich.

Wer ich bin, willst Du wissen???
Ich bin jemand, den du sehr gut kennst und der dir oft begegnet.

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